Der Sellinghauser Bergmannspfad

Der Rundwanderweg „Sellinghauser Bergmannspfad“ überwindet auf einer Länge von 6,7 km einen Höhenunterschied von annähernd 300 Metern mit einigen steilen Passagen. Er entspricht im Wesentlichen dem Fußweg, auf dem viele Sellinghauser und Altenilper Bergleute über beinahe 100 Jahre hinweg zu ihrer Arbeitsstelle, der Schiefergrube Felicitas in Heiminghausen, gingen. Der Wanderweg mit sieben Informationstafeln soll an das harte und arbeitsreiche Leben der Bergleute erinnern und die Bedeutung dieser Arbeitsplätze für die Entwicklung Sellinghausens und Altenilpe verdeutlichen. 

Die blaue Wegführung ist der jetzige Bergmannspfad 

Die rote Wegführung ist der ursprüngliche Weg der Bergleute 


Durch den Wald und Weiden...

Seit ihrer Eröffnung im Jahre 1863 bis zur endgültigen Schließung der Schiefergrube im Mai 2011 waren über Generationen hinweg viele Männer aus Sellinghausen und Altenilpe in der Schiefergrube in Heiminghausen beschäftigt. Bis zur allgemeinen Zunahme der Motorisierung zu Beginn der 1960er Jahre legten die Bergleute den ca. 2 km langen Weg zur Schiefergrube zu Fuß zurück.

Dieser sogenannte Bergmannspfad führte nur im Bereich der beiden Dörfer über vorhandene Wege, verlief ansonsten jedoch als Fußpfad durch Wald und Weiden. Denn die Bergleute wählten jeweils die kürzeste Verbindung zwischen Sellinghausen bzw. Altenilpe und der Schiefergrube Felicitas.

Da der Bergmannspfad während der letzten 50 Jahre nicht mehr begangen wurde, holte sich die Natur den Pfad zurück und er war bald kaum noch in der Landschaft wiederzufinden. Sein genauer Verlauf geriet zunehmend in Vergessenheit. In den letzten Jahren konnte die Dorfgemeinschaft Sellinghausen den Verlauf des Bergmannspfades jedoch ziemlich exakt recherchieren und als Wanderweg herrichten. Dieser weicht nur an einigen Stellen von dem ursprünglichen Pfad ab, der Verbindungsweg von Altenilpe über die Beilwert nach Sellinghausen wurde aktuell hinzugefügt.

Über die Halle „in die Hennemke“

Die Sellinghauser Bergleute gingen zunächst durch das Oberdorf hinauf und dann rechts am Siepen der „Halle“ entlang bis in den Wald auf der Höhe des „Stüvelhagen“.  (Anmerkung: „Halle“ ist gleichzeitig der Name des Baches durch Sellinghausen und des Bergrückens über Sellinghausen.) Auf dem „Stüvelhagen“ bog der Bergmannspfad rechts in den Wald. Zunächst schräg am Hang hinunter durch das „Heimker Holz“ gingen die Bergleute dann am Rand des „Hennebecke-Siepens“ bergab zur Schiefergrube.

Von Altenilpe durch das "Heimker Holz"

Die Altenilper Bergleute bogen oberhalb von Altenilpe rechts von der Dorfstraße ab. Der Pfad führte dann steil durch den Wald hinauf, anschließend ging es relativ flach über die „Halle“, wo in den 1950er Jahren der Sellinghauser Sportplatz gebaut wurde. Danach gingen die Bergleute am Rande des „Hennebecke-Siepens“ durch das „Heimker Holz“ hinunter, wo sie im mittleren Bereich auf den von Sellinghausen kommenden Pfad trafen. Im oberen Bereich des Siepens befinden sich die beiden Quellen der Hennebecke. Allerdings führt der Bach hier nur noch nach starken Niederschlägen Wasser, er mündet im Talgrund in die Leiße. Abgeleitet von dem Namen dieses Siepens arbeiteten die Bergleute „in der Hennemke“, sie nannten ihren Arbeitsplatz nie „Felicitas“.

Ein Wegerecht im „Heimker Holz“

Waren Weiden und Wald oberhalb von Altenilpe und Sellinghausen bis hinauf auf die „Halle“ im Besitz von Altenilper und Sellinghauser Bauern oder Bergleuten, so gehörte der Wald am Hang des „Leiße-Tales“, das „Heimker Holz“, den Heiminghauser Bauern und zur Gemeinde Berghausen. Hier wurde für einen Teilbereich des Bergmannspfades im Jahr 1919 ein Wegerecht der Gewerkschaft Felicitas eingetragen, das den Bergleuten erlaubte, den Fußweg durch ein Waldstück zu benutzen. Konkret bestätigte die Eintragung „das Recht der Gewerkschaft Felicitas als Eigentümerin der Parzellen Flur 2 Nr. ... (genannt werden verschiedene zur Schiefergrube gehörende Parzellen-Nummern) der Gemarkung Berghausen über die Parzelle Flur 2 Nr. 19 der Gemarkung Berghausen zu gehen, bzw. den über die Parzelle führenden Fußweg von den auf der Grube Beschäftigten benutzen zu lassen, um von und zu der Arbeitsstätte zu gelangen; eingetragen am 18. Juli 1919.“

Dieses Wegerecht wurde erst im Jahr 1981 gelöscht, handschriftlich ist in der Akte eingetragen:   „Gelöscht am 01.04.1981; im Flurbereinigungsverfahren Berghausen gelöscht.“

Der obige Ausschnitt aus einer um 1900 entstandenen Karte zeigt den Bergmannspfad als gestrichelte Linie zwischen den damals vorhandenen Feldwegen. Zum besseren Erkennen wurde er aktuell rot markiert.

Der Bergmannspfad wurde von den Bergleuten noch bis Anfang der 1960er Jahre begangen.  Nachdem einzelne Bergleute schon vorher mit Fahrrad oder Moped über Mailar zu ihrer Arbeitsstätte gefahren waren, setzte dann in unseren Dörfern die Motorisierung ein, auch die Bergleute konnten sich nach und nach einen eigenen PKW leisten. Dies bedeutete allerdings gleichzeitig das Ende des Sellinghauser und Altenilper Bergmannspfades. Denn anfangs fuhren die noch „autolosen“ Bergleute in Fahrgemeinschaften mit den Autobesitzern nach Heiminghausen, innerhalb weniger Jahre hatten alle einen eigenen PKW.


Das beschwerliche Leben der Bergleute

Ein anstrengender Fußweg

Bergauf und bergab:  Die zweite Informationstafel steht oberhalb des "Halle-Siepens" an dessen Rand der Bergmannspfad früher bergauf führte. Bis zum „Stüvelhagen“ (in ca. 200 m) hatten die Bergleute schon einen Höhenunterschied von ca. 100 Metern überwunden. Danach ging es bergab zu ihrem Arbeitsplatz in der Schiefergrube Felicitas. Nach 8 bis 10 Stunden harter körperlicher Bergmannsarbeit mussten sie sich nach Schichtende wieder von der Schiefergrube (auf ca. 400 m) an dem Hennebecke-Siepen hinauf zur Halle quälen (höchster Punkt hinter dem Sportplatz auf 539 m). Die Steilheit dieses Teilstücks des Bergmannspfades sowie der Aufstieg von Altenilpe zum Sportplatz bringen uns noch heute ins Schwitzen.

Bei Regen und Schnee: Um 1955 gingen täglich etwa 18 Sellinghauser Bergleute auf dem Bergmannspfad zur Schiefergrube Felicitas. Sie trafen sich gegen 5.15 Uhr morgens an der Sellinghauser Kapelle, um dann gemeinsam nach Heiminghausen zu gehen. In den damals härteren Wintern lag oft wochenlang hoher Schnee, bei Neuschnee musste der erste Mann regelmäßig abgelöst werden. In tiefer Dunkelheit ging er mit seiner Karbidlampe voran. War der Trampelpfad später gefroren oder verharscht, so rutschte man immer wieder zur Seite ab.

Nebenerwerbslandwirtschaft

Nach der anstrengenden Schicht in der Schiefergrube folgte nachmittags die Arbeit in der Landwirtschaft. Denn die meisten Bergleute aus Sellinghausen und Altenilpe betrieben eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft zur Selbstversorgung; u.a. auf den Flächen "Hinter der Halle", die heute als Golfplatz genutzt werden, hatten die Bergleute ihre Felder und Weiden. Sie hielten bis zu drei Kühe und einige Schweine.

Dauerte die Schicht der Bergleute vor dem Ersten Weltkrieg noch von 6 Uhr morgens bis 17.30 Uhr nachmittags, so endete ihre Arbeitszeit seit den 50er Jahren schon um 14.30 Uhr.  Anschließend hatten sie noch genügend Zeit für die landwirtschaftlichen Arbeiten. Besonders „Hinter der Halle“ sowie „In der Parmke“ zwischen Sellinghausen und Dorlar bearbeiteten sie ihre Felder. Im Frühling musste Mist gefahren, gesät und gepflanzt werden. Es folgte das Hacken der Kartoffel- und Rübenfelder, um so den Boden zu lockern und das Unkraut zu entfernen. Sommer und Herbst waren geprägt durch die arbeitsintensive Ernte von Heu, Getreide, Kartoffeln und Rüben. Natürlich waren all diese landwirtschaftlichen Tätigkeiten kaum mechanisiert, als Zugtiere nutzte man die Kühe, Pferde konnten sich die Nebenerwerbslandwirte dafür nicht leisten. Oft endete der anstrengende Arbeitstag der Bergleute erst gegen 20 Uhr. In den 1960er Jahren schafften sich die Nebenerwerbslandwirte nach und nach kleine, zumeist gebrauchte Traktoren an, was bei vielen landwirtschaftlichen Arbeiten eine erhebliche körperliche Entlastung darstellte.

Diese arbeitsintensive Nebenerwerbslandwirtschaft der Bergleute war nur durch die tatkräftige Mitarbeit der Ehefrauen möglich. Sie übernahmen viele der täglich anfallenden Arbeiten auf den Feldern und im Stall, wo beispielsweise das Vieh gefüttert und die Kühe dreimal täglich von Hand gemolken werden mussten. Darüber hinaus waren auch die Kinder schon in leichtere landwirtschaftliche Arbeiten eingebunden; oft holten sie die Kühe von der Weide, im Herbst mussten manchmal wochenlang Kartoffeln gelesen werden.

Landschaftswandel

Etwa ab 1970 gaben die meisten Bergleute die Nebenerwerbslandwirtschaft auf und verpachteten ihre Flächen an größere Höfe, die zumeist schmalen Felder wurden zu Weideflächen. Mitte der 1990er Jahre pachtete der Sellinghauser Hotelier Gerhard Stockhausen die weitläufigen Flächen „Hinter der Halle“, sie wurden Teil des 1996 eröffneten hoteleigenen Golfplatzes.

Etwa seit 2019 ändert sich das Landschaftsbild auf den Bergen und an den Hängen unserer Region und des gesamten Sauerlandes wiederum sehr stark. Seitdem führen Trockenperioden und Borkenkäferplage zu großflächigem Absterben und Abholzen der Nadelwälder. Aus dunklen Fichtenwäldern werden ausgedehnte Kahlflächen, in Zukunft wird die weitere Nutzung dieser Flächen – etwa in Form von Wiederaufforstungen – das Landschaftsbild wiederum völlig verändern. Dies ist auch in einigen Waldflächen am „Sellinghauser Bergmannspfad“ deutlich sichtbar.

(2 Bilder im Wechsel)


Die Dörfer Altenilpe und Sellinghausen

Seit Jahrhunderten gehörten Altenilpe und Sellinghausen zum Kirchspiel Dorlar. Um Kirche oder Schule zu besuchen, mussten die Menschen also zu Fuß den weiten und beschwerlichen Weg nach Dorlar gehen. Bei steigenden Einwohnerzahlen gab es seit Beginn des 19. Jahrhunderts Bestrebungen, eine eigene Schule in Altenilpe einzurichten, was1847 endlich gelang. Im Jahr 1921 bauten die Einwohner von Altenilpe und Sellinghausen die St. Luzia Kirche in Altenilpe und bilden seitdem eine gemeinsame Kirchengemeinde.  

Für die Sellinghauser war der Weg über den Selmen also immer Kirch- und Schulweg. Um 1880 ließ der Dorlarer Pfarrer hier die Linde pflanzen, bald darauf wurde das Wegekreuz aufgestellt und seitdem einige Male erneuert. Vor diesem Hintergrund sind die Linde und das Kreuz auf dem Selmen zwischen Altenilpe und Sellinghausen seit Jahrzehnten Symbole für die Zusammengehörigkeit der beiden Dörfer.

Gemeinsam legten die Einwohner der beiden Dörfer in Altenilpe den Friedhof an und gründeten Schützenverein und Sportverein. Die Schützenhalle errichteten sie in Altenilpe, den Sportplatz legten sie oberhalb von Sellinghausen zunächst am „Stüvelhagen“, später „Auf der Halle“ an. Hinauf zum Sportplatz gingen die Altenilper über den Bergmannspfad.

Daten und Fakten

Sellinghausen

1336    Ersterwähnung

1887    Einweihung der St. Blasius Kapelle

1819    10 Häuser mit 70 Einwohnern

2020    183 Einwohner 

Altenilpe                                                       

1313    Ersterwähnung                                             

1607    Bau einer Kapelle, Neubau 1888

1819    16 Häuser mit 116 Einwohnern        

2020    158 Einwohner

Schule            

Von 1847 bis 1970 gingen die Kinder aus Sellinghausen hier über den Selmen zur Schule in Altenilpe, im Winter morgens in der Dunkelheit und oft durch hohen Schnee.

1847    Einrichtung einer Privatschule in einem Wohnzimmer in Altenilpe

1858    Bau eines eigenen Schulgebäudes

1908    Bau des neuen und größeren Schulgebäudes

1970    Schließung der katholischen Volksschule Altenilpe

Kirche           

Mit dem Bau der St. Luzia Kirche im Jahr 1921 bildeten Altenilpe und Sellinghausen eine gemeinsame Kirchengemeinde.

1921    Bau und Einweihung der Kirche in Altenilpe

1923    Bau des Pfarrhauses

1926    Anlage des Friedhofs

Von 1922 bis 1972 hatte die Kirchengemeinde St. Luzia einen eigenen Pfarrer.

Vereine

1924    Gründung der St. Sebastian-Schützengesellschaft Altenilpe-Sellinghausen

1928    Bau der ersten Schützenhalle in Altenilpe

1932    Gründung des Sportvereins Rot-Weiß Sellinghausen, Anlage des Sportplatzes

1955    Bau einer neuen Schützenhalle

Weitere gemeinsame Vereine sind heute das Dorforchester (Panikorchester), der Oldtimerclub sowie der St. Luzia-Chor und die Kath. Frauengemeinschaft. Altenilpe und Sellinghausen haben jeweils einen eigenen Dorfverein.


Die Geschichte der Schiefergrube Felicitas

Zeittafel

13.10.1862      Friedrich Hammecke aus Mailar legt beim Königlichen Oberbergamt Bonn Mutung (= Antrag eines Muters bei einer Bergbaubehörde auf Bewilligung einer Genehmigung zum Bergbau) und Verleihung eines Bergbaueigentums auf Dachschiefer ein. Ort: die sog. Hennebecke bei Heiminghausen

06.06.1863      Anfertigung der Verleihungsurkunde der Mutung auf Dach- und Lattenschiefer auf den Namen „Felicitas“

04.08.1863      Fabrikant Albrecht Mues zu Fredeburg übernimmt die Hälfte der Schiefergrube.

1865    C. Sapp wird Repräsentant und Leiter der Grube, beschäftigt sind dort inzwischen 10 – 15 Arbeiter.

In den folgenden Jahrzehnten überträgt zunächst C. Sapp die Schiefergrube seinem Schwiegersohn Friedrich Ratte.

Friedrich Ratte überträgt später die Schiefergrube Felicitas seiner Tochter und seinem Schwiegersohn Fritz Hesse.

15.05.1926      Das Foto zeigt die Belegschaft der Schiefergrube Felicitas mit 24 Bergleuten.

1939    Fritz Hesse legt die Grube mangels brauchbarem Schiefer still, sie gilt als völlig ausgebeutet. Von den 25 – 30 Bergleuten wechseln einige zur Erzgrube Ramsbeck, ein Teil wird Soldat im Zweiten Weltkrieg, die 6 verbleibenden Bergleute werden zur Erschließung einer Grube „Laurentius“ auf dem Rimberg eingesetzt.

1939    Dachdeckermeister Josef Schneider tritt bei Fritz Hesse als Teilhaber ein, Gründung der Firma Hesse und Schneider. Sie suchen Schiefer am Rimberg, Grubenfeld „Laurentius“.

1942    Fritz Hesse stirbt. Von seiner Witwe erhält Josef Schneider als Entschädigung für die eingesetzten Gelder u.a. das Grubenfeld „Felicitas“ in Heminghausen.

1943    Josef Schneider nimmt die Arbeit in der Grube Felicitas wieder auf, er erwirbt ein Schiefermahlwerk.

1945    Bei Kriegsende suchen Einwohner der umliegenden Dörfer Schutz in dem Stollen.

1947    Es ist kein abbauwürdiger Schiefer mehr vorhanden!

1948    Josef Schneider lässt einen 120 m langen Schrägschacht mit 20° Neigung in das Gestein treiben. Damit wird ein großes abbauwürdiges Schiefervorkommen gefunden.

1953    Neben dem Dachschiefer werden nun Plattenschiefer (Fensterbänke, Wandverkleidungen, Bodenplatten, Fußleisten) und Schultafeln hergestellt. Auch Schiefermehl und Schiefersplitt wird im Mahlwerk gemahlen und findet guten Absatz in der Dachpappenherstellung. In den 1950er Jahren arbeiten zeitweise mehr als 75 Bergleute in der Schiefergube.

1957    Josef Schneider gründet zusammen mit seinen 4 Töchtern eine Kommanditgesellschaft (Firma Hesse & Schneider KG). Die älteste Tochter, Frau Luise Fischer, (seit 1946 in der Firma tätig) wurde 1956 Prokuristin.

1963    Die Schiefergrube Felicitas feiert mit 59 Bergleuten und 4 weiblichen Verwaltungsangestellten ihr 100-jähriges Bestehen; es erscheint eine informative 60-seitige Festschrift.

1970    Das Schiefermahlwerk brennt ab und wird nicht wieder aufgebaut.

1972    Die Grube Felicitas bekommt als erstes Schieferbergwerk in Deutschland eine Schiefersäge, mit der man quaderförmige Schieferblöcke aus der Wand schneidet. Die schweren Blöcke werden mit einem hydraulisch betriebenen Abspaltgerät aus der Wand gebrochen.

02.12.1976      Josef Schneider (geb. 22.02.1890) stirbt im Alter von 86 Jahren. Seine Tochter Luise Fischer führt den Betrieb weiter.

1980    Die Schiefergrube Felicitas bekommt als erstes Schieferbergwerk ein „Beraubefahrzeug“, das die geschnittenen Schieferblöcke aus der Wand bricht, auflädt und gleislos untertage weiter befördert.

1988    125-jähriges Jubiläum der Schiefergrube Felicitas mit etwa 30 Mitarbeitern.

1990    Verkauf der Schiefergrube Felicitas an die Schiefergruben Magog GmbH in Bad Fredeburg.

1998    In dem sog. Rat-Stollen wird die Speläotherapie (Nutzung der therapeutischen Wirkung von feuchtkalten Höhlen auf Atemwegserkrankungen) aufgenommen. Der Stollen wird im Jahr 2011 in Abela-Heilstollen umbenannt.

2000    Der Untertagebetrieb in der Schiefergrube Felicitas wird eingestellt. In den folgenden Jahren arbeiten noch ca. 2 – 4 Bergleute in der großen Halle. Hier schneiden sie Schieferplatten zu (z.T. auch Dachschiefer), die aus dem Fredeburger Schieferbergwerk Magog angefahren werden.

01.06.2011 Endgültige Schließung der Schiefergrube Felicitas, der letzte Bergmann der Schiefergrube, Richard Nagel aus Sellinghausen, geht in den Ruhestand. Da nun auch die Pumpen zum Herauspumpen des anfallenden Grundwassers nicht mehr betrieben werden, läuft das gesamte Schieferbergwerk voll Wasser.

2018    Die Schiefergrube Felicitas wird aus dem Bergrecht, d.h. aus bergrechtlicher Aufsicht entlassen. In der inzwischen mit Wasser vollgelaufenen Schiefergrube wird für versierte Taucher Höhlentauchen angeboten.

Blütezeit in den 1950er und 1960er Jahren

Obwohl das Schiefervorkommen in der Grube Felicitas nach dem Zweiten Weltkrieg als weitgehend erschöpft galt, suchte Josef Schneider, der Besitzer der Schiefergrube, entgegen dem Ratschlag vieler Fachleute weiter nach abbauwürdigem Schiefer. In den Jahren 1947/48 ließ er einen 120 m langen Schrägschacht in das Gestein treiben und wurde fündig, die Zukunft der Schiefergrube Felicitas war gesichert. Der Senkschacht befindet sich in der gegenüberliegenden ehemaligen Produktionshalle.

In dieser Zeit führte der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg allgemein zu einer größeren Nachfrage nach Schiefer. Deshalb erweiterte die Firma Hesse und Schneider Anfang der 1950er Jahre ihr Angebot: Neben dem traditionellen Dachschiefer wurden nun Schieferplatten zu Fensterbänken, Wandverkleidungen, Bodenplatten und Fußleisten verarbeitet. Schiefer von geringerer Qualität wurde „in der Mühle“ zu Schiefermehl und Schiefersplitt gemahlen. Der Renner in der Produktpalette wurde für ein Jahrzehnt die „Felicitas-Schultafel“. Ihre Herstellung war allerdings sehr aufwändig und umfasste 8 Arbeitsgänge. In der Schultafel-Produktion arbeiteten auch mehrere Frauen. Damals hatte die Schiefergrube Felicitas annähernd 80 Beschäftigte. Im Jahre 1963 wurde mit ca. 60 Bergleuten das 100-jährige Jubiläum gefeiert. Maßgeblichen Anteil an dieser erfolgreichen Entwicklung hatten die Steiger Johann Blais (1937 – 1958) sowie danach dessen Sohn Johannes Blais jun. (1958 – 1987) aus Mailar.

Aufgrund steigender Nachfrage wurde in den 1960er Jahren die Produktion von Schiefermehl und Schiefersplitt ausgeweitet.  In der „Mühle“ wurde im Zwei-Schicht-Betrieb, zeitweise sogar in 3 Schichten gearbeitet. Die Schieferschutte wurden dabei von Hand in den sog. Brecher geschaufelt. Anfang der 1970er Jahr fiel die Mühle einem Brand zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen errichtete Firma Hesse und Schneider eine große Halle zur rationelleren Herstellung von Schieferplatten und zur Ausweitung dieses Produktionszweiges. Zur Erschließung weiterer Schiefervorkommen wurde von der Sohle in 35 m Tiefe ein weiterer Senkschacht zu einer zweiten Sohle in 46 m Tiefe geschlagen.

In dieser Zeit ging durch zunehmende Konkurrenz allerdings der Absatz von Dachschiefer zurück. Zum einen drängte kostengünstigerer ausländischer - zumeist spanischer - Schiefer auf den deutschen Markt, zum anderen war ein Kunstschieferprodukt, der sog. Eternit, entwickelt worden, der in der Folgezeit wegen seines niedrigen Preises auch auf viele Dächer des Sauerlandes gedeckt wurde.

 

Mechanisierung

In den 1970er Jahren wurde die Untertagearbeit zunehmend mechanisiert. Als erstes Schieferbergwerk in Deutschland setzte die Schiefergrube Felicitas eine neu entwickelte fahrbare Schiefersäge ein. Mit ihr konnten die Bergleute in den Abbauen unter Tage quaderförmige Schieferblöcke aus dem anstehenden Schiefergestein herausschneiden. Bei einer Schnitttiefe von ca. 0,50 m wurden so Schieferblöcke von etwa 2,5 Tonnen Gewicht aus der Gesteinswand herausgeschnitten. Diese wurden anschließend mit einer hydraulischen Abspaltmaschine aus der Wand herausgebrochen. Durch diese Technik konnte der Anteil des nutzbaren Gesteins deutlich gesteigert werden. Ein Schaufellader transportierte die Blöcke dann gleislos zum Senkschacht, wo sie wiederum auf Loren nach über Tage befördert wurden.

Verkauf und Schließung

Doch trotz der Mechanisierung ging der Schieferbergbau in Deutschland immer weiter zurück. Da in der Firma Hesse und Schneider ein Nachfolger für die Geschäftsführerin Luise Fischer fehlte, verkaufte sie im Jahre 1990 die Schiefergrube Felicitas an die Firma Magog GmbH in Bad Fredeburg. Nach der Einstellung des Untertageabbaus im Jahre 2000 und der endgültigen Schließung der Schiefergrube Felicitas im Jahr 2011 liefen die Stollen und Abbaue voll Wasser. Seit 2018 können entsprechend ausgebildete Taucher beim Bergwerktauchen die faszinierende Unterwasserwelt in der ehemaligen Schiefergrube Felicitas erkunden. Der Abela-Heilstollen wird seit 1998 aufgrund seines gesunden Mikroklimas therapeutisch genutzt. Heute ist die Schiefergrube Magog in Bad Fredeburg das letzte Schieferbergwerk in Deutschland, in dem noch Schiefer abgebaut wird.


Der Arbeitsalltag in der Schiefergrube

Die Arbeit der Bergleute im Schieferbergbau war immer gekennzeichnet durch sehr anstrengende Tätigkeiten, die meistens in Handarbeit ausgeführt werden mussten. Unter Tage arbeiteten die Bergleute während des langen Arbeitstages im spärlichen Licht der Karbidlampen, häufig in gebückter Haltung. Bedroht waren sie zudem immer durch die Gefahren herabfallenden Gesteins und durch die Risiken beim Umgang mit Sprengstoff. Die folgenden Fotos verdeutlichen die verschiedenen Tätigkeiten der Bergleute in der Blütezeit der Schiefergrube Felicitas in den 1950er bis in die 1970er Jahre. Die meisten Fotos sind der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Schiefergrube Felicitas im Jahre 1963 entnommen.

Auf bis zu 8 Meter hohen Leitern bohren die Bergleute mit Pressluftbohrmaschinen Löcher in das Schiefergestein. Anschließend werden die Bohrlöcher mit Sprengstoff gefüllt, um den Schiefer loszusprengen.

Im Schein einer Karbidlampe „reißt“ ein Bergmann die losgesprengten großen Schieferblöcke für die Weiterverarbeitung  zu transportablen Schieferplatten.

Bergleute verladen von Hand die Schieferplatten auf die Loren (Transportwagen auf Schienen). Zum Anheben von größeren Blöcken wurden auch Umlenkrollen verwendet.

Durch schmale Stollen schieben die Bergleute die Loren zu dem Schrägschacht, vorbei an einer Statue der Hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute.

Durch den in den Jahren 1947 und 1948 geschlagenen 120 m langen Schrägschacht werden die Loren mit einem Haspel nach über Tage gezogen.

Mit Industriediamanten bestückte Steinsägen schneiden die Schieferplatten in die gewünschten Größen und Formen. Anschließend teilt sich die Weiterverarbeitung in Dachschieferherstellung und Plattenproduktion. 

Ein Teil der zugeschnittenen Schiefersteine geht in die Spalterei. Hier werden sie mit Hammer und Meißel (Spalteisen) zu Dach- und Wandschiefer von 5 - 7 mm Stärke gespalten. (Auf dem Foto aus der „Spaltbude“ sind vorn Willi Plett aus Altenilpe, dahinter u.a. Reinhold Kamitter, Josef Nagel und Anton Rinke aus Sellinghausen zu erkennen.)

Mit verschiedenen Schablonen werden die unterschiedlichen Dachschieferformen auf die gespaltenen Platten abgezeichnet. An den Schieferscheren werden die dünnen Platten anschließend zu Dachschiefer geschnitten. (Auf dem Foto Franz Bruder aus Altenilpe)

In der Plattenabteilung werden dickere Schieferplatten auf Maß zu Bodenbelägen, Fensterbänken oder Wandplatten gesägt. (Auf dem Foto, von hinten: Paul Schneider, Alfred Liebs, Manfred Wieczoreck, alle aus Fredeburg)

Der Schieferhobel hobelt eine glatte Oberfläche und bringt die Schieferplatte auf die gewünschte Stärke. (Auf dem Foto: Karl Rinke aus Sellinghausen)

Die nicht nutzbaren Schieferabfälle, sog. Schutte, werden im  Schiefermahlwerk (in der „Mühle“) zu feinem Schiefermehl oder gröberem Splitt gemahlen. Ein Bergmann (Anton Schulte aus Mailar) schiebt das Gestein in den sog. „Brecher“.


Die Bedeutung der Schiefergrube Felicitas für Sellinghausen

Die ersten Bergleute

Durch den Niedergang und den parzellenweisen Verkauf des 600 Morgen großen Schulten Gutes in Sellinghausen siedelten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Familien hier an. Zu den vorher bestehenden 3 Höfen kamen bis 1865 weitere 21 Häuser hinzu. Viele der Neuansiedler konnten allerdings von ihrer kleinen Landwirtschaft und von dem geringen Einkommen als Tagelöhner kaum leben. Etwa ab 1870 bot ihnen die Schiefergrube Felicitas in Heiminghausen die Möglichkeit, sich mit der schweren Bergmannsarbeit einen regelmäßigen Lebensunterhalt zu verdienen. Josef Grewe berichtete in seiner Sellinghauser Chronik aus dem Jahr 1946, dass im 19. Jahrhundert „etwa ein halbes Dutzend Familienväter und junge Leute als Bergleute“ in der Schiefergrube Heiminghausen arbeiteten. Sie mussten natürlich zu Fuß zu der ca. 2 km entfernten Arbeitsstätte gehen. Auch in dem Nachbardorf Altenilpe stieg nun allmählich die Zahl der in der Schiefergrube Felicitas beschäftigten Bergleute.

Unglücksfälle

Aber schon bald wurde allen die Gefährlichkeit des Bergmannsberufs und besonders der Untertagearbeit durch ein tragisches Ereignis vor Augen geführt: Am 4. Mai 1877 wurden drei Bergleute aus Sellinghausen beim Verlassen der Grube zur Mittagspause von herabfallendem Gestein erschlagen. Es handelte sich um den 22-jährigen Johann Voß und die Familienväter Johann Grewe und Aloysius Plett. Josef Grewe schrieb dazu: „Ob des tragischen Unglücksfalles herrschte in Sellinghausen und in den Nachbardörfern große Trauer und Mitleid mit den betroffenen Familien. Grewe hinterließ außer der Witwe 3 Kinder aus erster Ehe und ein Kind aus zweiter Ehe. Pletts Tod betrauerten 3 Kinder und die Witwe. Die Witwen haben nicht wieder geheiratet und sich bei der sehr geringen Unterstützung kümmerlich durchgeschlagen. Als die Söhne der Verunglückten erwachsen waren, haben sie auf derselben Grube wieder Arbeit gesucht.“

Am 12.12.1900 kam der Bergmann Johannes Bischopink aus Altenilpe ums Leben, weil sich bei einer Sprengung ein Schuss vorzeitig löste. Aufgrund deutlich verbesserter Sicherheitsmaßnahmen gab es in der Schiefergrube Felicitas danach jahrzehntelang keine weiteren tödlichen Unfälle. Am 16.08.1979 wurde Josef Heimes aus Heiminghausen durch herabfallendes Gestein getötet.

Nicht zuletzt aufgrund der Gefährlichkeit ihres Berufes war das Leben der Bergleute in früheren Zeiten von einer tiefen Frömmigkeit geprägt. In der Schiefergrube Felicitas begannen sie immer ihre Arbeit mit einem gemeinsamen Gebet. Unter Tage stand in einer Nische eine Figur der Hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Am Neujahrstage wurde in der St. Luzia Kirche in Altenilpe bis etwa 2010 eine Messe gelesen für die lebenden und verstorbenen Bergleute der Grube  Felicitas.

Die Schiefergrube als wichtigster Arbeitgeber

Ein großer Teil der Beschäftigten der Schiefergrube Felicitas kam besonders nach dem Zweiten Weltkrieg aus Sellinghausen und Altenilpe. In Sellinghausen gab es nur wenige Häuser, aus denen nicht mindestens ein Mann dort arbeitete. In den 1950er und 60er Jahren waren die Familienväter bzw. die Söhne aus 21 von 32 Häusern Sellinghausens – zumindest zeitweise – in der Schiefergrube Felicitas beschäftigt. Sie bildete damit gewissermaßen die Lebensgrundlage des Dorfes Sellinghausen.

 

Die Belegschaft im Jubiläumsjahr 1963

Im Jahr ihres 100-jährigen Jubiläums kamen von den 59 Bergleuten 18 aus Sellinghausen und 9 aus Altenilpe.


Aus Sellinghausen:   

Anton (Toni) Borgard

Paul Droste

Anton Hömberg

Reinhold Kamitter

Willi Kleinsorge

Werner van Lottum

Wilhelm Molitor

Josef Nagel

Josef Plett

Anton Rinke

Karl Rinke

Paul-Heinz Rinke

Johann Rummel

Josef Rummel

Reinhold Schmidt

Alfred Schröder

Hubert Sellmann

Werner Sommer

 

Aus Altenilpe:

Richard Bischopink

Franz Bruder

Franz-Josef Dicke

Ewald Gerlach

Norbert Göddecke

Helmut Heite

Karl Knoche

Günther Leininger

Willi Plett

 

Rückgang des Schieferbergbaus

Etwa seit 1970 sank die Zahl der Beschäftigten, einige jüngere Bergleute wechselten in andere Branchen, die aus der Schule entlassenen jungen Männer wählten andere Berufe. Die älteren Bergleute gingen nach und nach in den Ruhestand. Gegen Ende der 1990er Jahren kamen von den 7 Bergleuten noch 3 aus Sellinghausen (Toni Borgard, Richard Nagel, Bodo Boick). Richard Nagel (Bild oben), der 1965 seine Bergmannstätigkeit begonnen hatte und seit 1988 Betriebsleiter war, ging mit der Schließung der Schiefergrube am 1. Juni 2011 als letzter Bergmann der Schiefergrube Felicitas in den Ruhestand.


Die Schiefergrube in Sellinghausen

Eröffnung im Jahr 1920

Für einige Jahre wurde auch in Sellinghausen eine Schiefergrube betrieben. Auf dem Betriebsgelände des heutigen Sägewerkes Schauerte begannen die Gebrüder Höffgen aus Elberfeld im März 1920 mit dem Abbau. Im Jahr 1921 lieferte die Grube unentgeltlich etwa 350 Kubikmeter Steine zum Bau der St. Luzia Kirche in Altenilpe. In dieser Zeit entstand wahrscheinlich auch das recht kleine Betriebsgebäude vor dem Stollen, in dem der abgebaute Schiefer gespalten und zu Dachschiefer geschnitten wurde. Der meiste Schiefer wurde dann mit Pferdefuhrwerken zum Bahnhof Dorlar transportiert und von dort per Bahn weiter befördert.

Zusammenhalt und Geselligkeit scheinen damals eine große Rolle gespielt zu haben: Noch Jahrzehnte später erzählte man sich von den gemütlichen Samstagabenden. Wenn spätnachmittags die Wochenarbeit beendet war und die Gebrüder Höffgen über den Parmberg zum Bahnhof Dorlar gegangen waren, um in ihre Heimat zu fahren, blieben die Bergleute oft noch einige Stunden bei mehreren Flaschen selbst gebrannten Schnapses beisammen…

Aber bereits im Dezember 1924 wurde die Schiefergrube mangels geeigneter Schiefervorkommen vorübergehend stillgelegt und am 1. Mai 1925 an den Schieferdecker Franz Dolle aus Schmallenberg verkauft. 1931 wurde der Betrieb dann eingestellt.

Zufluchtsort im Zweiten Weltkrieg

Einen lebenslang bleibenden Eindruck hinterließen bei vielen Menschen die Verhältnisse in dem Sellinghauser Schieferstollen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Als Anfang April 1945 die amerikanische Armee die Soldaten der Wehrmacht in schweren Gefechten von Winterberg kommend über Fredeburg und Altenilpe immer weiter zurück drängte, suchten die Menschen in dem Stollen Schutz vor amerikanischem Beschuss durch Bomber und Artillerie. Zusätzlich zu den Einwohnern Sellinghausens kamen Menschen aus Altenilpe, Mailar, Dorlar und Nierentrop, so dass sich vom 8. bis zum 10. April 1945 schließlich über 800 Menschen in dem Stollen aufhielten.

Einige Passagen aus dem Bericht des damaligen Altenilper Volksschullehrers Wilhelm Berens veranschaulichen die dramatische Situation:

 „Schreiner Rinke hatte 3 Fuder Bretter für Lagerstätten zur Verfügung gestellt. Die in der Nähe liegende Strohmiete des Bauern Kleinsorge verschwand nach und nach restlos im Stollen. Er war belegt vom Eingang bis zur letzten Abbaustelle, jede Ecke und der kleinste entlegenste Winkel war ausgenutzt. Den verwundeten und kranken Soldaten dienten mit Stroh belegte Bretter als Lagerstätte. In der Pulverkammer war für den schwerkranken Schreiner Anton Rinke ein Bett aufgestellt. Etwas abseits von der großen Menge lag Frau Elisabeth Nicklas, geb. Nagel und sah ihrer schweren Stunde entgegen. Sie gebar ein gesundes Kind, starb aber in der Nacht von Sonntag auf Montag, da ihr keine richtige ärztliche Hilfe zuteil wurde. Auch ein verwundeter deutscher Soldat starb.

Nicht jeder konnte einen mit Stroh belegten Sitz- oder Liegeplatz haben. Viele spannten sich Regenschirme auf, andere schlugen sich Tücher oder Mäntel um Kopf und Schulter, denn unaufhörlich tropfte Wasser vom hängenden Gestein. An den Seiten bildeten sich kleine Gräben, in denen es weiter sickerte. Die Beleuchtung durch Karbidlampen, Kerzen und Taschenlampen war spärlich, zeitweise war alles in tiefstes Dunkel gehüllt. Die Luft war feucht, die Temperatur ungemütlich und ungesund. Manche wurden von Hunger und Durst gequält. Sellinghauser Frauen eilten in ruhigen Stunden nach Hause, schleppten Lebensmittel, Kaffee und Milch herbei und labten die Bedürftigen. Kinder weinten, alte Leute klagten, Verwundete und Kranke stöhnten. Trotzdem war die Stimmung verhältnismäßig gut. Am Sonntag (8. April) war bereits die Luft verbraucht. Die Kerzen brannten kaum noch und verlöschten bald ganz. Bei den Menschen stellten sich Benommenheit, Kopfschmerzen und Atembeschwerden ein. Einzeln und in kleinen Gruppen wanderten sie zum Ausgang, füllten die Lungen mit frischer Luft und kehrten dann zurück.

Am Dienstagmorgen (10. April) rückten die amerikanischen Truppen ohne weitere Kämpfe in Sellinghausen ein, Panzer fuhren auf der Schieferhalde auf. Pfarrer Birker aus Dorlar übergab, unterstützt von einem Dolmetscher, die Grube. Noch vor Mittag konnte der Stollen geräumt werden und die vielen Menschen konnten in ihre Häuser zurückkehren.“

Diese dramatischen Stunden und Tage waren allen Menschen, die sich in dieser Zeit im Stollen aufgehalten hatten, noch Jahrzehnte später in lebhafter Erinnerung. Besonders der Tod der aus Sellinghausen stammenden Elisabeth Nicklas, geb. Nagel ging ihnen sehr nahe. Dennoch gab es durch den Aufenthalt im Schieferbergwerk Sellinghausen keine Toten oder Verletzten unter den Einwohnern aus Altenilpe und Sellinghausen. Während in Sellinghausen nur einige Häuser durch Artilleriebeschuss beschädigt waren, hatte allerdings in Altenilpe die amerikanische Artillerie am 8. und 9. April 6 Häuser (davon 3 größere Bauernhöfe) in Brand geschossen, die vollkommen niederbrannten. Dort starben zudem bei den Kämpfen im Dorf und am Somberg 9 deutsche Soldaten.

Neubeginn und Schließung

Anfang 1950 pachtete der aus Sellinghausen stammende Dachdeckermeister Aloys Schneider das Schieferbergwerk. Etwa 8 Bergleute förderten wieder Schiefer und schlugen einen schräg abfallenden Senkschacht in der Hoffnung, in tieferen Gesteinsschichten abbauwürdigen Schiefer in guter Qualität und Quantität zu finden. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht, im Sommer 1951 wurde das Schieferbergwerk Sellinghausen endgültig geschlossen.

Im Jahre 1955 wurden noch einmal große Mengen Bruchsteine von der Schieferhalde vor dem Stollen genutzt. Sie dienten zur Befestigung des Untergrundes für den Bau der neuen Schützenhalle in Altenilpe. Im Jahre 1957 kaufte der Stellmacher und Zimmermann Paul Schauerte zusammen mit seinem Sohn Josef das Betriebsgelände einschließlich Gebäude und Schieferstollen von der Witwe Dolle. Mitte der 1960er Jahre rissen sie das inzwischen baufällige Grubengebäude ab und errichteten eine Halle, in der das Sägewerk und die Zimmerei untergebracht wurden. Aus Sicherheitsgründen ist der Schieferstollen heute verschlossen.